Im Interview: Paritätische Berufsfachschule, Astrid Müller

  1. Sehr geehrte Frau Müller, die Paritätische Berufsfachschule für Sozial- und Pflegeberufe ist eine Bildungseinrichtung, die man als besonders bezeichnen kann. Wie ist sie entstanden, wie zu der heutigen Größe gewachsen, wer steht hinter der gemeinnützigen Einrichtung?
    Die PBFS wurde 2001 gegründet und übernahm damals laufende Kurse eines insolventen Bildungsträgers. Sie startete an einem Standort mit den vier staatlich anerkannten Ausbildungsgängen in Altenpflege, Arbeitserziehung, Ergotherapie und Jugend- und Heimerziehung. Demnächst präsentiert sie sich an drei Standorten und bietet zusätzlich noch Ausbildungen in Alltagsbetreuung, Heilerziehungspflege und umfangreiche Fort- und Weiterbildungen an. Das Besondere ist:

    Person-orientierter Unterricht in Halbtagesblöcken
    Förderung der Persönlichkeit neben der Fachlichkeit
    für alle Schulabschlüsse eine Perspektive
    Teilzeit, Vollzeit- und berufsbegleitende Ausbildungsvarianten
    Kurse mit Sprachförderung
    Mehr unter: www.pbfs.de/warum-wir-anders-sind-besser-sind

    Unsere heutige Größe haben wir durch eine qualitativ hochwertige, anspruchsvolle und praxisorientierte Ausbildung erarbeitet. Gesellschafter der PBFS sind: www.pbfs.de/de/kooperationspartner
  2. Die Herausforderungen an unsere Gesellschaft sind gewachsen. Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen häufen sich. Medialer Overkill, Reizüberflutung, Zeitdruck und Überforderungen werden oft genannt in dem Zusammenhang. Worauf ist das zurückzuführen? Welchen Beitrag leistet oder kann Ihr Institut leisten, um die Folgen abzufedern?
    Die Ursachen sind sehr vielfältig. Verbindend kann man vielleicht sagen, dass es mehr gelingende menschliche und persönliche Begegnung braucht. Gesprächsführung und deeskalierende Vorgehensweisen sind daher Schwerpunkte in unserer Erzieherausbildung, aber auch die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit durch Förderung der Reflexionsfähigkeit über das eigene Handeln und Denken. Gute, praxisorientierte Ausbildung fördert den authentischen und wertschätzenden Umgang miteinander und ermöglicht so Entwicklung und persönliches Wachstum. Dazu werden die Kompetenzen und nicht die Defizite in den Vordergrund gerückt. Die modernen Medien sind in der Zukunft nicht wegzudenken, aber ein vernünftiger Umgang damit sollte vermittelt werden. Daher liegt ein weiterer Schwerpunkt in der Medienpädagogik.
  3. In Deutschland leben Menschen aus mehr als 190 Nationen. Die Vielfalt hat kulturelle und wirtschaftliche Vorteile für unser Land, bringt aber auch Konflikte, speziell in Ballungszentren. Wie sollte man mit dieser Problematik aus Ihrer Sicht umgehen?
    Inklusion bedeutet allen Menschen gleichermaßen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen – unbeschadet ihrer Unterschiedlichkeit. Das hat mehr mit einer Willkommenskultur zu tun, die durchaus Rahmen setzt, die alle zu akzeptieren haben. Sprachliche Förderung ist dabei wichtig. So binden wir zum Beispiel MigrantInnen in einer Altenpflegehilfeausbildung durch sprachliche Förderung ein und ermöglichen Integration – wenn nicht sogar Inklusion. Denn miteinander arbeiten bedeutet sich gegenseitig zuarbeiten, und das verbindet. Wir versuchen mit unseren Auszubildenden ihre eigene Haltung zu verdeutlichen und diese zu reflektieren als Ausgangspunkt für weiteres Aufeinanderzugehen. Auch hilft die Erkenntnis, dass jeder einzelne Mensch eine Mischung mehrerer kultureller Einflüsse ist und es so klar abgrenzbare Kulturen, wie früher immer weniger gibt. Sich deeskalierend verhalten zu können ist auch hier ein wichtiger Schlüssel. Soziale Hilfen und Absicherung insbesondere für die Kinder bedeuten eine gute Prävention gegen extreme Verhaltensweisen.
  4. Unsere Gesellschaft altert. In den kommenden Jahren steigt der Bedarf an Pflegekräften zweistellig. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um den Personalmangel zu stoppen und die Qualität des Pflegepersonals zu verbessern?
    Menschen in der Pflege leisten viel und können stolz auf ihren Beruf sein. Die Ansprüche an die Berufsausübung steigen stetig. Das dürfen professionell Pflegende mit Selbstbewusstsein nach außen tragen. Wir verfolgen mehrere Strategien: 1. Hochwertige Ausbildung am Wachstum des Einzelnen orientiert. 2. Durchlässige Abschlüsse: Wer zum Beispiel ohne Schulabschluss in die Pflege will, kann über Alltagsbetreuung den Zugang zur Altenpflege erlangen und dort seine Qualifizierung fortsetzen. 3. Menschen aus anderen Ländern bei uns und für uns qualifizieren. So starten wir diesen September mit der Ausbildung von Spanierinnen und Chinesinnen an unserer Schule unter Nutzung der bisher gemachten Erfahrungen in den Kursen für Migranten. 4. Fortbildung sollte nicht nur durch Dienstbesprechungen stattfinden, sondern nach Wissens- und Kompetenzvermittlung durch Lernen an den persönlichen Herausforderungen des beruflichen Alltags über Coaching und Supervision.
  5. Die Anforderungen an Menschen, die in Pflegeberufen oder im erzieherischen Bereich arbeiten, sind erheblich, psychisch und teilweise physisch. Welche Eigenschaften sollte ein Bewerber mitbringen?
    Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die vorhanden sein oder entwickelt werden muss, ist rasch eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufbauen zu können und diese dann auch zu halten. Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, brauchen verlässliche wertschätzende Beziehungen. Um das richtige Maß zwischen menschlicher Nähe und professioneller Distanz hinzubekommen und beständig eine Entwicklung zu ermöglichen, braucht es eine gute Kritik- und Reflexionsfähigkeit. Belastbarkeit ist insbesondere in herausfordernden Situationen von großem Vorteil. Und für die Klientel ist Zuverlässigkeit wichtig. All das muss nicht schon vor Beginn einer Ausbildung ausgereift vorhanden sein. In der Ausbildung wird vielmehr ein kontinuierliches Wachstum hin zu einer hilfreichen Professionalisierung gefördert.
  6. Aktuell hört man immer häufiger den Begriff Inklusion. Menschen mit Behinderungen oder begrenzten Fähigkeiten sollen mehr gemeinschaftlich mit „normalen“ Kindern erzogen und ausgebildet werden. Welche Potenziale liegen in diesem Ansatz, wo sind die Grenzen?
    Es geht hier nicht nur um gemeinsame Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Einschränkungen. Es geht auch nicht nur um Menschen mit und ohne Behinderung. Es geht vielmehr um eine Haltung, wie wir alle miteinander umgehen wollen. Wollen wir eine Gesellschaft deren Untergruppen sich partikularisieren und gegenseitig ausgrenzen oder wollen wir eine Gesellschaft, die Teilhabe ermöglicht, indem sie Barrieren abbaut und das Positive in der Verschiedenheit erkennt. Damit ist nicht zwangsläufig verbunden, dass jeder mit jedem können soll. Aber die Wahl, mit wem man zusammenkommt, ist eine freie. Dadurch erhöht sich die Chance, Andersartigkeit zu begegnen und im Erleben Berührungsängste abzubauen.