Inklusion – Fähigkeiten erkennen, Grenzen überwinden

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Spätestens nach dem Günther Jauch sich des Themas angenommen hat, ist Inklusion in den mit Promis besetzten Talkshows und damit in der gesellschaftlichen Relevanz angekommen. Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch die Möglichkeit erhält, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – und zwar von Anfang an und unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht oder Alter. Sie geht somit weit über Behinderung hinaus. Unsere Welt sollte möglichst barrierefrei gestaltet sein, damit zum Beispiel die Mobilität Menschen mit Behinderung eigenständig möglich ist. Das wird von niemandem bestritten. Die Diskussion entzündet sich vielmehr an dem Teilaspekt Inklusion in der Bildung.

In der Politik bezeichnet der Begriff meist den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung. Eltern von Kindern mit Unterstützungsbedarf haben einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer allgemeinbildenden Schule. Immer mehr Schulen kommen der Auflage der UN-Behindertenrechtskonvention nach und bieten gemeinsamen Unterricht an. Der Anteil von Schülern mit Behinderung, die Regelschulen besuchen, ist im Schuljahr 2013/14 nach Angaben des Ministeriums um knapp fünf Prozentpunkte höher als im Vorjahr.

Dennoch: Speziell in der schulischen Bildung bleibt Inklusion ein heftig diskutiertes Thema. Inklusion in der Bildung erfordert die Zustimmung aller – der Eltern behinderter und nicht behinderter Kinder sowie des Lehrpersonals. „Die UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft trat, ist ein Meilenstein“, sagt Astrid Müller, Geschäftsführerin der Paritätischen Berufsfachschule für Sozial- und Pflegeberufe, die verschiedene Ausbildungsgänge u.a. für die Behindertenhilfe anbietet. Inklusion als Haltung verstanden, ist ein richtiger Ansatz für das gesellschaftliche Miteinander. Astrid Müller: „Sie kann dann gelingen, wenn möglichst viele Menschen erkennen, dass gelebte Inklusion den Alltag jedes Einzelnen bereichert.“

Integration und Leistungsgedanke

Die Realität sieht leider oft anders aus: So wechseln noch immer viele Kinder spätestens nach der Grundschule an eine Förderschule. Die Mehrzahl macht keinen Hauptschulabschluss und hat damit kaum Berufschancen. Und wenn doch ein Kind an eine Regelschule geht, ist es für Eltern und Lehrer ein Kraftakt: Bekommt das Kind mit Behinderung genug Aufmerksamkeit? Wird das Kind ohne Behinderung womöglich ausgebremst? Wie bekomme ich alle unter einen Hut? Das sind Fragen, mit denen sich Eltern und Lehrer beschäftigen. Studien zeigen das Gegenteil: Gemeinsames Lernen funktioniert. „Die Voraussetzungen müssen stimmen,“ betont Astrid Müller. „Damit es funktioniert, brauchen wir entsprechend ausgebildete Fachkräfte und Lehrer, die in der Lage sind, in heterogenen Klassen individuell zu fördern“.

Bis zur vollständigen Umsetzung der Behindertenrechtskonvention ist es in Deutschland ein weiter Weg. Viele Eltern von Kindern mit Unterstützungsbedarf kämpfen mit Leidenschaft für die Integration ihres Kindes in eine normale schulische Entwicklung. Eltern nicht behinderter Kinder befürchten, dass Inklusion das Niveau der Klasse senkt. „Es kann doch nicht immer um Leistung gehen. Man sollte Menschen nach ihren Fähigkeiten beurteilen, nicht nach ihren Grenzen. Damit Inklusion gelingt, müssen Lehrer, Sonderpädagogen und Sozialarbeiter im Team zusammenarbeiten, sich gegenseitig beraten und ergänzen“, sagt die Geschäftsführerin der Paritätischen Berufsfachschule für Sozial- und Pflegeberufe Astrid Müller. „Wir brauchen Lehrer, die Fähigkeiten erkennen und die Unterschiedlichkeit der Schüler als Chance begreifen.“ Das zeigt, dass in der Debatte gesellschaftliche Prinzipien nur scheinbar kollidieren: Auf der einen Seite das Bekenntnis zu Integration und sozialem Miteinander, auf der anderen Seite der Leistungsgedanke.

Vielen Lehrern macht die Inklusion trotzdem zunächst Angst, weil sie sehen, dass sie sich umstellen müssen. „Bei der Lehrerschaft von Inklusionsklassen besteht erheblicher Bedarf an weiterer Qualifikation. Der herkömmliche Unterricht wird nicht mehr funktionieren. Gelingende Teamarbeit zwischen Fachleuten wie Heilerziehungspflegern und Sonderpädagogen wird helfen“, resümiert Astrid Müller.

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