Im Interview: Die Maklerin 190

  1. Hallo Frau Neumann. Als Kind wird man oft gefragt: Was möchtest du werden, wenn du groß bist? War Ihre Antwort: Immobilienmaklerin?
    Nein, ganz und gar nicht. Als Kind wollte ich Kellnerin werden, die hatten damals immer noch so hübsche weiße Schürzen mit Spitze an. Ich hätte damals auch gar nicht das Selbstbewusstsein gehabt, vertriebstechnisch nach draußen zu gehen. Ich finde, Lebenserfahrung hilft grundsätzlich im Vertrieb und insbesondere auf dem sensiblen Gebiet des Immobilienverkaufs. Immobilienverkauf bzw. Immobilienkauf passiert für viele Menschen nur einmal im Leben. Das ist eine große Entscheidung und ein Makler assistiert mit seiner Erfahrung, nicht nur in Bezug auf Verhandlungen und Kaufverträgen.
  2. Sie kommen direkt von einer Fortbildung. Schön, dass Sie Zeit für uns gefunden haben. Wie muss man sich eine Schulung für Makler vorstellen? Gehört Weiterbildung bei Maklern zum Usus?
    Es ist wie in jedem Beruf. Stehenbleiben ist Rückschritt. Ich betreue, berate doch meine Kunden. Da muss ich am Puls der Zeit bleiben. Neben eigener Kreativität, um eine Immobilie ins rechte Licht zu rücken, benötige ich definitiv Fachwissen. Über die Immobilie selbst, das Umfeld, die Lage, den Markt und seine Entwicklung, die Finanzierungsmöglichkeiten, die Kaufabwicklung. Wenn ich das nicht habe, wofür braucht man dann einen Makler?
  3. Sie sind dafür bekannt auch komplizierte Verkäufe nach Scheidungen oder streitender Erbengemeinschaft erfolgreich über die Bühne zu bringen. Wie gehen Sie vor, was ist Ihr Erfolgsrezept?
    Ich höre zu. Ich nehme die Menschen wahr. Bei Scheidungen oder streitender Erbengemeinschaft sind eine Menge Emotionen im Spiel. Als Dritte, nicht in dem Streit verwickelte Person, die auch nichts von den einzelnen Parteien fordert, bin ich der emotionslose Teil. Ich kann kanalisieren. Ich verliere das große Ziel – den optimalen Immobilienverkauf – nicht aus dem Auge. Meine Verkäufer empfinden mich dann oft auch als Fels in der Brandung. Oft ist es ja gerade auch bei Scheidungen so, daß die Finanzierung der Immobilie noch nicht vollständig zurückgezahlt wurde. Als Maklerin behalte ich im Blick, daß nur ein optimaler Verkauf die Bank zufriedenstellen und dadurch viel Spannung zwischen den Parteien rausgenommen werden kann. Ich behaupte, in solchen Fällen geht es gar nicht ohne Makler.

    Im „Normalfall“ habe ich es nur mit zwei Parteien zu tun. Dem Verkäufer und dem Käufer. Bei Scheidungen oder Erben habe ich es mit ganz vielen Parteien zu tun, mit sehr viel Unsicherheit und Positionen. Ich habe dann schon zwei Verkäufer, deren Anwälte, eventuell noch Freunde. Da sind wir schon ganz schnell auf fünf bis sechs Personen mit differenzierten Meinungen. Dazu kommt irgendwann noch der Käufer, der vielleicht auch unsicher ist und die Meinungen seiner Familie, Freunde und Bekannten einholt. Wenn ich so recht darüber nachdenke, bin ich in solchen Fällen eigentlich eher ein Jongleur.
  4. Nach vielen Jahren im Beruf: Gibt es eine Anekdote, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
    Ja, und zwar aus dem Vermietungsbereich. Es ging um ein schönes Einfamilienhaus, das Häuschen im Grünen. Ideal für die Familie. Meine Interessenten riefen an und wir vereinbarten einen Besichtigungstermin. Die Interessentin fragte, ob ein Hund erlaubt sei. Ich antwortete, es kommt drauf an, wie der Hund so sei. Oh, er sei ganz lieb, sagte sie, er höre aufs Wort.

    Ok, wir trafen uns zur Besichtigung. Neben dem Hund waren in dem Auto, ich glaube, es war ein alter Passat, noch das Interessentenpaar, drei Kinder und ein Wellensittich, der frei im Auto umherflog bzw. auf dem Lenkrad gesessen hatte. Dieser Vogel war auch wirklich der liebste, der Hund leider nicht. Sobald er aus dem Auto gelassen wurde und die Weite der Landschaft realisierte, war er weg. Die Interessentin auch. Sie lief ihm rufend hinterher. Vorher sagte sie aber noch: Verstehe ich gar nicht, das macht er doch sonst nicht. Aus der Vermietung ist dann nichts geworden und das Statement von Hundehaltern höre ich immer wieder, aber ein Wellensittich im Auto ist mir seitdem noch nicht wieder begegnet.
  5. Mal aus dem Nähkästchen geplaudert: Wie viele Häuser muss man verkaufen, damit man als Maklerin seinen Lebensunterhalt bestreiten kann? Ist der Markt schwieriger oder entspannter geworden?
    Obwohl ich 1,90 Meter groß bin, möchte ich grundsätzlich ein kleines Maklerbüro bleiben. Die Maklerei macht mir sehr viel Spaß. Es ist genau mein Ding. Und ich möchte Kunden, die mit mir gehen. Die genau nicht den „Goldkettchen- und Hawaiihemdenträger“ als Makler haben wollen, der nur seine Provision im Kopf hat und oberflächlich ist. Ich fühle mich mit Verkäufern wohl, mit denen ich gemeinsam eine Verkaufsstrategie entwickeln kann und/oder auf Käuferseite, die mich fachlich fordern und meine Erfahrung annehmen. Denn man sieht sich immer zweimal. Gerade hier im ländlichen Bereich. Mit meinem persönlichen Anspruch an mich und meine Arbeitsweise würde ich sagen, wenn ich zehn Häuser im Jahr verkaufe, geht’s mir gut. Dazu kommen noch Vermietungen, Hausverwaltung, Relocation hier und da. Aber jeder Mensch hat andere Prioritäten.

    Ich bin 2006 mit meiner Selbstständigkeit angefangen und hatte einen schwierigen Start. Teilweise lag es an meiner eigenen Naivität, teilweise aber auch an der Krise. Erstes habe ich beigelegt, zweites liegt nicht in meinem Ermessen. Mit dem Markt ist es wie mit den Jahreszeiten. Auf jedem Winter folgt ein Sommer. Die Kunst ist nur zu wissen, in welcher Jahreszeit Du Dich gerade befindest. Ich würde sagen, wir sind im Sommer.
  6. Was sind aktuelle Trends auf dem Immobilienmarkt? Das schicke Loft, das Haus mit Garten oder geht der Trend zur flexiblen Mietwohnung?
    Bassum hat ca. 16.000 Einwohner und befindet sich ca. 30 Kilometer südlich von Bremen. Hier gehen die Uhren anders, als in Großstädten. Hier ist es wichtig, dass Vati gut zur Arbeit kommt und Mutti nicht zuviel selbst mit den Kids durch die Gegend fahren muss. Ich denke, jede Familie träumt von dem Häuschen im Grünen, in dem man in Ruhe und Geborgenheit seine Kinder groß ziehen kann. Aber es muss auch bezahlbar sein. Bezahlbar heißt hier aber auch, z. B. die nicht überschaubaren Benzinpreise einzukalkulieren, die die Fahrt zur Arbeit z. B. Richtung Bremen mit sich bringen. Da ist eine genaue Kalkulation nötig, da die Immobilienpreise quasi pro Meter Richtung Bremen ansteigen.

    Junge Leute suchen hier seltener eine Wohnung, da in der Stadt eben mehr los ist. Doch sie kommen zurück, wenn die Familienplanung ansteht. Ältere wollen gern hierbleiben, finden aber auch schlecht Ebenerdiges oder Bezahlbares mit Fahrstuhl. Grund dafür ist sicherlich auch, daß im ländlichen Bereich weniger Wohnungsbaufirmen investieren und die Vermieter oft Privatleute sind. Hier ist oft mehr Klasse als Masse und das macht es für die unteren Einkommensgruppen schwieriger. Lange Rede, kurzer Sinn, hier ist der Trend zur bezahlbaren Immobilie mit optimaler Infrastruktur. Je weiter von der Stadt weg, desto schwieriger wird der Immobilienverkauf. Resultat: der Preis fällt dort wegen der mangelnden Nachfrage und er steigt enorm im Speckgürtel. Eigentlich alles ganz einfach.