Lass Dir Zeit: Geh Wandern

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Aufrecht und aufmerksam die Welt entdecken: Das ist Wandern. Nicht erst seit der Freizeitrevolution der 1960er Jahre wandern wir. Wir gehen los, um uns in der Welt zu verorten.

Wir ziehen die Wanderschuhe an, weil wir zu uns selbst finden möchten. Es ist ein haptisches Welterlebnis, das Zeit verbraucht. Ohne Eile, ohne Hektik: Einfach nur laufen und Eindrücke sammeln. Jogger, Fahrradfahrer, Inlineskater: Sie alle setzten auf Schnelligkeit. Wandern hingegen bedeutet Entschleunigung. Ein Berg wird durch unsere Wanderung in seiner Ursprünglichkeit erlebt und durch jeden unserer Schritte bezwungen. Es gibt unzählige Wandermöglichkeiten: Vom Eifelsteig für Einsteiger über anspruchsvolle alpine Wanderungen auf das Brentenjoch bis zu religiös inspirierten Pilgerwegen. Wandern wirkt positiv auf unsere Psyche und unseren Körper. Entscheidend ist weniger die Intensität, als vielmehr die Kontinuität. Wer möchte, kann das Naturerlebnis je nach Wanderroute um Kulturgeschichte erweitern.

Wandern ist unser Kulturgut

Wandern gehört zu unserem Kulturkreis – spätestens seit der Aufklärung. Wandern war das Symbol des aufgeklärten Bürgertums, das sich ein Bild von der Welt macht. Bekanntester Wanderer: Johann Gottfried Seume lief 1801 von Leipzig nach Sizilien und über Paris wieder zurück. Neun Monate wandern, um die soziale Realität zu erleben. Handwerker gingen auf die Walz, Bürger gründeten Wandervereine und institutionalisierten das Wandern. Wanderwege, Wegweiser, Wanderkarten: Es entstand alles, was heute auf der Wanderung selbstverständlich ist. Die letzte große politische Überhöhung erfuhr das Wandern um die Jahrhundertwende mit der Wandervogelbewegung. Studenten suchten ihr Heil vor Industrialisierung und Urbanisierung durch Wanderschaft in der Natur. Heute haben wir das Wandern von politischen Zwecken gelöst. Wandern bedeutet nun: Raus aus der Leistungsmühle und rein ins Naturerlebnis. Denn Nichts geht übers Gehen.

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