Gesundheit
Ein Leben ohne Krankheit?

© Gabriele Rohde_fotolia

Viele Bundesbürger leiden an Hypochondrie – der Angst, krank zu sein. Die Angst vor Krankheiten bestimmt ganzheitlich ihr Denken, Fühlen und Handeln und macht ihren Alltag schicksalsschwer. Wie äußert sich dieses Gefühl, woher kommt es und was lässt sich dagegen tun?

Wir wollen ein Leben ohne Krankheiten und Nebenwirkungen. Der Beipackzettel landet ungelesen im Papiermüll. Gesundheit und Keimfreiheit lautet das Gebot der Stunde: im Krankenhaus und in der Pflege. Akribisch und zwanghaft registrieren Hypochonder Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Verdauung. Jede Unregelmäßigkeit wird als bedrohliches Fanal verstanden: Bescheinigt der Arzt seinem hypochondrischen Patienten, dass sich hinter der Pulserhöhung beim Möbelrücken keine Herzprobleme verbergen, will er das nicht wahrhaben. Hypochonder durchleben oft eine Odyssee: von einer Praxis zur anderen. Durch exzessive Beobachtungen rücken meist harmlose körperliche Veränderungen in den Fokus der Aufmerksamkeit, was rückblickend Ängste bestätigt und einen erheblichen Leidensdruck auslösen kann. Das Leiden als sich selbst erfüllende Prophezeiung: Hypochonder erschaffen sich ihren eigenen Dunstkreis. Es gelingt ihnen mit Arztbesuchen, der Suche in der Universitätsbibliothek und dem Internet schnelle Selbstdiagnosen und Desinformationen in großer Auswahl zu finden.

Gesundheit ist zwar nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts

Das Problem: Da Hypochonder ihre tatsächliche Krankheit nicht anerkennen, lehnen sie eine „Psycho-Behandlung“ ab, weil sie sich sicher sind, an einer körperlichen Krankheit dahinzusiechen. Der Arzt macht sich beim Hypochonder mit dem Lösungsvorschlag nicht beliebt, wenn er sagt: Das ist ein Fall für den Psychotherapeuten. Hypochondrie kann jeden treffen. Ausgelöst wird sie nicht selten durch prägende Erfahrungen mit Krankheiten: Der Nachbar erleidet mit 50 Jahren einen Herzinfarkt, der Arbeitskollege stirbt vor der Rente an Darmkrebs. Das sind Erfahrungen, die eigene Gefühle verwirren können. Es gibt auch eine schweigende Mehrheit, die diese Themen verdrängt und darüber kein Wort mit der Gewissheit verliert, dass sie ausgelacht werden. Zum ersten Mal beschrieb der französische Irrenarzt Jean-Pierre Falret 1822 in seinem Buch „De la hypochondrie et de la suicide“ die falsche Überzeugung, krank zu sein, als ein essenzielles Merkmal der Hypochondrie. Trost für die Hypochonder: Woody Allen, Harald Schmidt, Franz Grillparzer und Thomas Mann zählen zu den Heerscharen der Hypochonder dieser Welt, die als eingebildete Kranke lustvoll ihre Leiden zelebrierten.

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