Dressur-Reiten in der Krise
Tod des harmonischen Reitens?

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Spackige Tritte, ein hochgezwirbelter Hals, Löcher im Fell und ein unruhiger, unzufriedener Blick: Bilder, die man mittlerweile auf fast jedem großen Turnier des Pferdesportes sieht. Das unwürdige Ende des „Wunderhengstes“ Totilas bringt das Geschäft rund um die Dressur ins öffentliche Bewusstsein zurück.

Beim letzten deutschen Reitmeister Egon von Neindorff standen Gesundheit und artgerechte Ausbildung der jungen Pferde im Vordergrund. Von Neindorff, Träger des Goldenen Bundesverdienstkreuzes, hat die Pferde sogar noch mit sechs Jahren als Jungpferde gesehen, und erst ab diesem Alter mit der richtigen Ausbildung angefangen.

Auch der deutsche Reitmeister Harry Boldt ist einer der Verfechter der klassischen Reitkunst. Nur sehr wenige Reiter verfügen über einen solchen Erfahrungsschatz in der Ausbildung von Dressurpferden, wie er. Er erlebte als junger Mann noch die legendären Ausbilderpersönlichkeiten wie Otto Lörke, Richard Wätjen, und Felix Bürkner persönlich. Mit seinem Buch „Das Dressur-Pferd“ versucht er mit unzähligen Bildern und detaillierten Beschreibungen die klassische Reitweise zu beschreiben.

Reiten als Kampfsport?

Beide vermitteln das genaue Gegenteil von dem, was heutzutage auf großen Reitveranstaltungen in den hohen Klassen gezeigt wird. Viele Dressur-Reiter und Trainer verwenden sogar die umstrittene und quälende „Rollkur“. „Rollkur“ ist mit viel Kraft verbunden, da der Reiter den Kopf des Pferdes mit den Zügeln auf dessen Brust zieht. Das Fluchttier Pferd fängt häufig an aus Frust, sich selbst zu beißen. Zudem versuchen sich viele Pferde aus dieser unnatürlichen und sehr ungesunden Haltung herauszuwinden, wodurch das Reiten kein harmonischer Akt mehr ist, sondern mit dem Pferd gekämpft wird.

Von Neindorff und Boldt zeigten, dass Reiten eine Kunst und kein Kampfsport ist. Beide stehen für Harmonie beim Reiten, die der Reiter und das Pferd zusammen ausströmen können. Die Ohren des Pferdes hängen stets seitlich, der Blick ist ruhig und zufrieden, die Augen des Pferdes glänzen. Der Schweif pendelt gelassen hin und her und das Pferd ist ausgeglichen und mit Freude bei der Arbeit. Die Nasen-Stirn-Linie ist immer vor der Senkrechten, das Genick ist höchster Punkt, das Pferd kaut ruhig und zufrieden auf seinem Gebiss und die Tritte sind locker und gleichmäßig. Die Pferde gehen weder mit Taktfehlern noch sind sie unruhig im Viereck. So bekamen sie für die Lektionen, die stets in Perfektion geritten wurden, Höchstnoten und wurden vielfach platziert.

„Erfolgreich“ mit allen Mitteln

Die meisten 6-jährigen Pferde sind heutzutage bereits fertig ausgebildet, wobei keine Rücksicht auf die physische und psychische Entwicklung genommen wird. Die teuren „Investitionen“ haben dann bereits Turniererfahrung wie ein 12-jähriger.

Das hat mit der Entwicklung des Pferdesport allgemein zu tun. Internationale Richter loben die gezwungenen Leistungen der Pferde. Mechanik und Kontrolle wird meist besser bewertet, als Harmonie und Partnerschaft. Die spannigen Tritte sehen ebenfalls im ungeschulten Auge der Zuschauer besser aus als natürliches, harmonisches Reiten.

Es muss ein Umdenken stattfinden

Die „guten“ Dressurreiter, die eine Einheit mit ihren Pferden bildeten, zogen sich immer weiter aus dem Turniersport zurück. Sie widmeten sich allein der Ausbildung von Pferd und Reiter und gründeten eigene Reitinstitute. Inzwischen gibt es kaum noch harmonisches Reiten in der Turnierszene sowie in der Hobbyreiterei. Die Namen der Olympiasieger, die noch nach der pferdegerechten Reitweise ausbildeten, kennt heute kaum einer mehr.

Durch den aktuellen Aufschrei um Totilas ist der Pferdesport in aller Munde. Es muss sich in dem Bewertungsschema der Richter als auch der Ausbildung junger Pferde dringend etwas ändern. Pferde können nicht länger als Investitionen angesehen werden, die möglichst viel Gewinn bringen sollen. Sie sind auch keine Sportgeräte, die funktionieren müssen. Pferde sind Tiere und müssen auch als solche behandelt werden – nicht als Sache oder Gegenstand.

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